>>> Startseite > Dankschreiben > Email von Thomas Langheinrich aus Hof                                                                                      

 

Folgende Zeilen des Dankes übermittelte uns jemand, der das Schneechaos am 21.12.2001 hautnah erlebte.

Hier nun das Dankschreiben:

 

Sehr geehrte Damen und Herren!

Am heutigen Samstag, den 21. Dezember 2002 jährt sich zum ersten Mal ein Ereignis, das ich wohl so schnell nicht vergessen werde: Das Schneechaos auf der A9. Ich möchte mich nun mit dieser Email bei allen Helfern bedanken, die in dieser langen Nacht zum Einsatz gerufen wurden. Es war schier unglaublich, was an Mensch und Material zur Autobahn gebracht wurde, um den Eingeschlossenen bestmöglich zu helfen und beizustehen. Es war Freitag Nachmittag gegen 15:00 Uhr, als ich in Erlangen meine Heimfahrt nach Hof antrat. Ich fuhr über die A 73 auf die A70, um über die A9 nach Hof zu kommen. Schon bei Bamberg setzte der erste Schneefall ein und die Autobahn überzog sofort eine weiße Schneedecke. Ein paar Kilometer weiter kam der Verkehr auch schon zum Erliegen. Erst ein paar Minuten, dann für längere Perioden. Teilweise schalteten alle Autofahrer Licht und Motoren aus. Ab und zu kam ein Räumfahrzeug, begleitet von THW-Fahrzeugen und quetschte sich durch die Autoschlangen. Im Radio wurde vor rutschigen Fahrbahnen gewarnt und ein Stau von 10 km Länge auf der A70 / A9 gemeldet. Gegen 19:30 Uhr kam der Rasthof in Thurnau in Sichtweite und  ich beschloss, noch mal aufzutanken sowie Essen und Getränke zu kaufen, da ich mittlerweile ja viereinhalb Stunden unterwegs war. Gegen 20:30 tat ich genau dies. Die Landstrassen sowie der Autohof selbst waren schon mit mehreren Zentimetern Schnee bedeckt. Deshalb beschloss ich, wieder auf die Autobahn aufzufahren, da die ja ständig geräumt wird. Im Schneckentempo ging es weiter auf die A9. Ich erreichte das Kulmbacher Dreieck so gegen 21:30. Dann kam der Stau langsam wieder in Fahrt und es ging mit Schritttempo bis zur Ausfahrt Himmelkron/Bad Berneck Nachdem die Ausfahrt dort kaum mehr befahrbar war, blieb ich auf der Autobahn. Einige Meter hinter der Einfädelspur (Exakt an dem 130-km/h-Schild) musste ich erneut anhalten. Das war gegen 22:00. Den nächsten Meter legte ich am Samstag, den 22. Dezember so gegen 12:00 / 12:30 zurück. Soviel zu meiner Vorgeschichte, jetzt zu Ihnen allen: Das Folgende geschah alles in den 14-15 Stunden, die ich auf das 130er Schild blicken konnte. Ich kann mich nicht mehr 100% an den genauen Zeitplan erinnern, da das alles ja nunmehr ein Jahr zurückliegt, also verzeihen Sie mir nicht ganz korrekte Angaben bitte. Zunächst kamen hin und wieder Einsatzfahrzeuge mit Blaulicht auf dem Standstreifen vorbei und fuhren vorüber (THW oder Feuerwehr). Im Radio kamen bereits Nachrichten, dass auf der A9 das Chaos ausgebrochen sei, die Leute sich aber beruhigen sollten, Hilfe sei unterwegs. In der Himmelkroner Senke konnte man immer mehr Blaulichter erkennen, aber noch kamen keine Fahrzeuge zu uns. Es war aber deutlich zu erkennen, das da ganz schön was in Gang gesetzt wird. Gegen Mitternacht kamen bereits immer wieder "Spaziergänger" vorbei, die allgemeine Lage unter den Autofahrern spannte sich zwar immer weiter an, aber man hat in Gruppen immer noch Scherze über sie missliche Lage gemacht. Im Radio hörte man mittlerweile, dass man sich auf eine Übernachtung im Auto einstellen sollte, wenn man schon länger vor einem Anstieg stehe. Der Schneefall wurde wieder stärker und in der Senke blinkten überall Blaulichter, in der Luft lag ständiges Martinshorn-Geheul. So gegen 1:00 Uhr hielt etwa 200m hinter mir ein Rettungswagen vom BRK. Zunächst dachten alle, es hätte jemand einen Schwäche-Anfall erlitten  oder ähnliches. Doch es war der erste Tee, der an uns ausgeschenkt  wurde. Dabei sei ein ganz besonderer Dank an die beiden Männer vom BRK gerichtet, die in eisiger Kälte und bei starkem Schneefall eine an einem Strick befestigte Holzkiste hinter sich durch den mittlerweile tiefen Schnee auf der Mittelspur heranzogen und uns Autofahrern aus dem darauf stehenden 20-/30-Liter-Topf Tee ausschenkten. Sie sind immer wieder losgezogen und haben Nachschub für entfernter liegende Autos besorgt. Das Wissen, dass sich jemand so um die Eingeschlossenen kümmert, hat viele von uns ziemlich beruhigt. Irgendwann um diese Zeit herum kam auch jemand, der uns Decken anbot, da bei einigen Autofahrern das Benzin zur Neige zu gehen drohte. Derweilen kamen ständig neue Hiobsbotschaften aus dem Radio. So gegen 3:00 hörten wir, dass Katastrophenalarm ausgelöst werden sollte, dass die  Bergwacht nun anrücke, da deren Geländewagen besser zu uns herankämen. Tatsächlich fuhr auch ein Jeep der Bergwacht an uns vorüber. Doch als gegen 4:00 / 5:00 der Verkehrsfunk mitteilte, dass nun Schlittenfahrzeuge eingesetzt werden, da die Rettungskräfte nicht mehr an die Autobahn heranfahren können, machten wir uns keine Hoffnungen mehr, dass wir  noch mal Tee oder ähnliches bekämen. Tatsächlich kam auch ein Motorschlitten vorbei und informierte uns über die Lage: Es hieß, dass etwa 300 LKW an der Schiefen Ebene fest hängen würden. Das THW sei pausenlos damit beschäftigt, sie noch oben zu ziehen, um uns eine Gasse freizumachen. Gegen Morgen kamen dann wieder Feuerwehr- und BRK- Fahrzeuge vorbei und brachten Decken und Tee für alle, die versorgt werden wollten. Sämtliche Einsatzkräfte blieben stets kommunikationsbereit, freundlich und hilfsbereit, obwohl ihnen die Strapazen des Einsatzes durchaus anzusehen waren. Auch die Tatsache, dass irgendwann keine Trinkbecher mehr vorhanden waren, wurde kurzerhand gelöst. Vom nahe gelegenen Burger King wurden neue geholt. Es kamen auch immer wieder Fahrzeuge vorbei, die Kleinkinder und deren Mütter in die nachts errichtete Zeltstadt brachten. Auch Leute, die psychisch mit der Situation überfordert waren, konnten sich in die "Lager" fahren lassen. Ein großes Lob auch an die Besatzung eines der Feuerwehrfahrzeuge (ich weiß leider nicht, von welcher Feuerwehr), die uns in den Vormittags-Stunden mit Tee versorgte und Fahrten in die Zeltstadt / Turnhalle anbot (so gegen 10:00 / 11:00 nähe besagtem Verkehrsschild). Sie haben uns während ihres  Aufenthalts bei uns aufgemuntert, uns über die Wetterlage informiert, über die Tätigkeit des THW, welches weiterhin die Last-Züge die schiefe Ebene hinaufzog, hat uns aufgemuntert, sich mit uns unterhalten und auch Scherze gemacht. Wir hatten beispielsweise einen Weihnachtsbaum auf die Autobahn bestellen wollen, und sie haben gesagt, sie würden uns einen bringen, wenn wir abends immer noch hier stünden. Das hat in dieser Situation für 1/2 Stunde Gesprächsstoff gereicht und allen gut getan. Außerdem haben sie uns empfohlen, in dem nahe gelegenen Autohof noch mal Essen und Trinken zu besorgen, falls es weiter schneit und wir noch länger hier stehen müssten. Dies sind nur ein paar wenige persönliche Eindrücke von mir, ich weiß nicht, wie es andere empfunden haben. Aber ich war schlichtweg begeistert von den verschiedenen Rettungskräften, die diese wohl noch nie da gewesene Situation (es waren ja immerhin ca. 50.000 Personen oder mehr betroffen) meiner Meinung nach sehr professionell gemeistert hatten. Es gab natürlich auch bei uns Kommunikationsprobleme (einer der  Feuerwehrmänner war zeitweise völlig aufgelöst und überfordert, weil  er ständig nur verschiedenste Funksprüche empfangen hat. Aber bei dieser Dimension des Chaos wäre das auch bei jahrelanger Übung solcher Szenarien wohl nicht vermeidbar. Ich weiß leider nicht, welche Organisationen genau an dem Einsatz beteiligt waren, deshalb habe ich über das Internet ein paar Email-Adressen aus Ihrer Region herausgesucht. Ich bitte Sie, die Email an die Verantwortlichen entsprechend weiterzuleiten, da Sie wohl noch eher wissen, wer wofür zuständig war in jener Nacht. Ich wünsche Ihnen allen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest sowie einen guten Rutsch ins neue Jahr! Vor allem aber hoffe ich, dass sich so eine Situation in diesem Winter nicht wiederholt.

Mit freundlichen Grüßen

Thomas Langheinrich

(aus Hof)